Bahia Tandem Tour 2004

Ein außergewöhnliches integratives Ereignis

Gehörlose und Blinde radeln von Alagoinhas nach Salvador

"Es gibt keine Schranken, die der Mensch nicht überwinden könnte" (Hellen Keller)

Im Jahr 2003 verbrachten zwei französische Jugendliche, Stephanie und Sami, beide blind, und außerdem der sehbehinderte Yannick sechs Monate als "Freiwillige" in der "Fundacao do Caminho" bei den Taizebrüdern in Alagoinhas, Brasilien. Sie arbeiteten mit 32 blinden und sehbehinderten Schülern der ECAI (Schule mit integrativer Ausrichtung). Sami stellte fest, dass es den Blinden an Bewegung und körperlichem Ausgleich fehlte und begann deshalb Sport- und Schwimmunterricht zu geben.

Gerard Mueller aus Frankreich, ebenfalls blind, hörte Sami von ihren Erfahrungen erzählen. Begeistert davon reiste er mit 7 Tandems im Gepäck hierher nach Alagoinhas.

Gerard war Apotheker gewesen. Als er blind wurde, verkaufte er seine Apotheke, um sich um das Wohlergehen anderer Blinder kümmern zu können. Da er selbst ein begeisterter Sportler ist, begann er Tandem-Touren in Europa zu organisieren: Jeweils mit einem Sehenden und einem Blinden zusammen auf einem Fahrrad, der Sehende vorn, der Blinde hinten.

Im Zusammenhang mit der "Fundacao do Caminho" kam die Idee auf, auch Gehörlose in das Tandemprojekt miteinzubeziehen. Denn auf die ECAI-Schule gehen sowohl Schüler ohne Behinderung und Blinde, als auch Gehörlose. Die zwei Monate, die Gerard in der "Fundacao do Caminho" verbrachte und bei der Betreuung der Blinden und Sehbehinderten mithalf, begeisterten und beeindruckten ihn sehr. Unglücklicherweise war es aufgrund der brasilianischen Zollbürokratie nicht möglich, den Traum der Tandemtour zu realisieren: Das Zollamt in Salvador hatte die Tandems beschlagnahmt. Das einzige Tandem, das die Fundacao erreichte, kam vom "Lion's Club" in Salvador. Gerard, der selbst ein "Lion" ist, hatte jene um Hilfe gebeten, die Tandems durch den Zoll zu bekommen. Als sie merkten, dass sie nichts erreichten, beschlossen die "Lions" ein Tandem "Made in Brazil" zu stiften.

Während dieser Sackgassen-Situation wurde ein neuer Termin für die 1. Bahia-Tandem-Tour ausgemacht und zwar die letzte Augustwoche 2004. Da die Tandems im Juli immer noch vom Zoll beschlagnahmt waren, beschloss die Fundacao, um die Schüler nicht zu enttäuschen, in Sao Paulo sechs weitere Tandems zu kaufen. Nun begann der Endspurt für die Vorbereitungen der Tandem-Tour: Jeden Tag trainierten Blinde und Gehörlose zwei Stunden mit ihren Betreuern. Die Betreuer des Trainings waren Jugendliche aus dem Viertel, die die Gebärdensprache sprechen, außerdem der Lehrer des Mechanikerkurses mit einem Auszubildenden, die sich um die Funktionstüchtigkeit der Tandems kümmerten. Jeder Trainingstag machte die Muskeln der Blinden stärker.Das Training zeigte, dass das Vorurteil, es sei zu gefährlich Paare von Blinden und Gehörlosen zu bilden, weil diese nicht mit einander kommunizieren könnten, unbegründet war. Während der Tandem-Tour gab es keinerlei Schwierigkeiten bei der Verständigung der Teams. Sie verstanden sich, auch wenn es für den Beobachter nicht klar war, wie sie das machten.

Die größte Gefahr war, dass zwei Tandems zusammenstoßen. Das passierte ein Mal während des Trainings. Glücklicherweise gab es keine ernsten Verletzungen. Um aber diese Gefahr zu vermeiden, fuhr ab sofort immer einer der Betreuer, der der Gebärdensprache mächtig war, nebenher, um dafür zu sorgen, dass der notwendige Sicherheitsabstand zwischen den Tandems eingehalten wurde.

Parallel zum Training kümmerte sich die Direktorin der "Fundacao do Caminho" um die organisatorischen Vorbereitungen. Niemand hatte Erfahrung mit der Vorbereitung eines solchen Ereignisses und niemand konnte sich vorstellen, wieviel Zeit so etwas in Anspruch nimmt. Jeder Tag brachte neue Herausforderungen: Organisieren von Sicherheitsbegleitung, medizinische Vorsorgeuntersuchungen für alle Teilnehmer der Tandem-Tour, ein Erste Hilfe Fahrzeug und Polizeibegleitung während der Tour. Kontakt mit den Stadtverwaltungen der einzelnen Tageszielorte auf der Fahrt, Essen und Unterkunft während der ganzen. Tour, die Erlaubnis den Platz "Castro Alves", einen der Hauptplätze der Stadt mit weitem Blick über das Meer, bei der Ankunft in Salvador zu benutzen und den Kontakt zu den Medien.

Und so kam der von allen mit Spannung erwartete Abfahrtstag, Montag, der 30. August 2004, herbei. Alle Lehrer und Schüler der ECAI-Schule standen versammelt auf dem größten Platz von Alagoinhas. Es hatte Plakate gegeben, die das Ereignis ankündigten. Es kam eine große Gruppe von einer der bekanntesten Schulen Alagoinhas', die Fanfaren trommelten Und außerdem viele Sympathisanten: Männer und Frauen vom Lions- und Rotaryclub aus Alagoinhas, der Bürgermeister und Vertreter der Stadtverwaltung, Freunde der Fundacao und viele andere. Die Polizei kam mit einem Auto und drei Motorrädern und im letzten Moment kam sogar das Erste-Hilfe-Fahrzeug.

Der Fernsehsender Subae aus Feira de Santana (zweitgrößte Stadt Bahias) und Arte TV berichteten von dem Ereignis.

Ein bisschen aufgeregt warteten die Tandem-Teams, die ja schließlich die Hauptpersonen waren und die den ganzen Trubel nicht gewöhnt waren, auf die Abfahrt. Die erfolgte dann auch, nach den verschiedenen Reden und den künstlerischen Darbietungen der Mitschüler, mit Trommelbegleitung und lautem Klatschen der Zuschauer. So zeigten die Gehörlosen und Blinden den Einwohnern von Alagoinhas, dass es "keine Schranken gibt, die der Mensch nicht überwinden kann".

Das erste Etappenziel war das 28 km entfernte Catu. Fünf Tage später erreichte die Gruppe Salvador und hatte 132 Kilometer zurückgelegt. Viele Freunde erzählten später, dass sie nicht einmal geglaubt hatten, dass die Tandems Catu erreichen würden!

Während der Tandemtour stießen die Radfahrer auf sehr viele hilfsbereite Leute. Zum Beispiel auf die Polizei, welche die Truppe die ganze Fahrt über begleitete. Oder die Motorradfahrer aus den unterschiedlichen Motorradclubs wie "Tiger des Asphaltes", die statt zu rasen die Sicherheitsbegleitung für die Blinden und Gehörlosen stellten. Die"Invasoren" eine andere Gruppe von Motorradfahrern kümmerte sich spontan um eine Musikanlage und ein Mikrofon, damit die Aufführungen bei der Ankunft in Catu anfangen konnten. Andere besorgten Wasser für die Zuschauer, denn an diesem Tag war es sehr heiß.

Am darauffolgenden Tag, der zweiten Etappe, machten die Tandems Halt in Pojuca, wo sie von Schülern der Pestalozzi-Schule (für Behinderte) begrüßt und willkommen geheißen wurden. Es gab eine Capoeiravorfuhrung von Kindern mit Körperbehinderung. Man konnte spüren, wie sehr es ihnen Spaß machte, die Bewegungen und Tritte im Rhythmus und zum Klang des Berimbau auszuführen. Auch in Mata de Sao Joao und in Salvador wurden die Tandemfahrer von Pestalozzischülern mit Capoeira empfangen.

In jeder Stadt, in der Halt gemacht wurde, Catu, Mata de Sao Joao, Camacari und Lauro de Freitas (im Stadtviertel Itinga) waren es Leute aus den Kirchengemeinden, die sich um die Unterkunft und die Verpflegung der Gehörlosen und Blinden kümmerten. In Mata de Sao Joao war so großzügig und liebevoll gekocht worden, dass am Ende mehr als zehn Kilo Reis und Bohnen übrigblieben, die an bedürftige Kinder verteilt werden konnten!

Die Tandems legten am Tag jeweils eine Strecke von 25 bis 30 Kilometern zurück Um neun Uhr morgens ging es los und gegen Mittag kam die ganze Truppe dann jeweils am Etappenziel an. Ab und zu sprang an einem Tandem die Kette ab, so dass alle anhalten und warten mussten, bis das Problem behoben war. Außerdem gab es Pausen zum Wasser trinken, sich mit Sonnencreme einzucremen und auch um Radfahrer auszutauschen, denn es waren mehr Schüler mitgekommen, als es Platz auf den Tandems gab. Diejenigen, die gerade nicht auf dem Tandem saßen, fuhren mit einem Kleinbus hinterher.

Auf der Strecke von Alagoinhas nach Salvador geht es sehr viel bergauf und bergab. Um gefährliche Unfälle auf den Gefällestrecken zu vermeiden, wurden die Schüler dazu angehalten, viel zu bremsen. Das hatte zur Folge, dass die Bremsklötze nach der Hälfte der Tour ausgewechselt werden mussten! Am Ende fuhr die Gruppe bergauf schneller als bergab. Interessant war auch, dass es für die Leute, die mit einfachen Fahrrädern die Tour begleiteten, anstrengender war, die Berge hochzukommen, als für die Tandems. Die Zusammenarbeit auf den Tandems und das Zusammenwirken der Kräfte machten den Unterschied!

Jeden Tag brachte ein Bus Schüler der ECAI-Schule in die Stadt, in der die Tandem-Tour gerade Halt machte. Schüler mit und ohne Behinderungen führten Theaterstücke, spielten Flöte und Geige. Bei den Aufführungen sprachen auch immer einige der Teilnehmer der Tour von ihren Erfahrungen. Das war oft sehr bewegend.

Am letzten Tag, auf dem Platz "Castro Alves" in Salvador mit der wunderbaren Sicht auf das Meer, fasste Mario, ein blinder Familienvater, der auch mitgeradelt war, die Erfahrungen und Gefühle aller Teilnehmer in einem Satz zusammen: "Ich bin seit dreizehn Jahren an den Augen blind. Aber diese Woche, wo ich radfahre, fühle ich mich, als wenn ich von neuem sehen würde!" ,

Auch die anderen Blinden erzählten nach der Fahrt von ihren Eindrücken und Erfahrungen. Die wenigsten von ihnen hatten in ihrem Leben schon einmal wo anders als Zuhause übernachtet. So waren sie begeistert, einmal aus ihrem Alltag herauszukommen, andere Leute zu treffen und neue Orte kennenzulernen. Neu und besonders für alle war auch die Gruppenerfahrung, dazu noch mit Gehörlosen. So wurde vielen von neuen bewusst, dass es auch andere Menschen mit anderen Behinderungen gibt und dass niemand mit seiner Behinderung alleine ist. Nach der Tandemtour äußerten viele Blinde den Wunsch, die Gebärdensprache zu lernen! Und einige der Gehörlosen denken sogar daran, Braille zu lernen.

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